Make Umweltschutz great again

14 Okt

Ich war in meinem Umfeld schon immer der seltsame Öko. Das fing in der Grundschule an und hört wahrscheinlich nie auf. Ich hab zerschnittene Regenwürmer verarztet, Bienen gefüttert, Müll am Strand gesammelt, Frösche über die Straße gebracht, verletzte Tauben in meinem Schal zum Tierarzt geschleppt und alles aufgepäppelt, was nicht bei drei auf den Bäumen war. Weil alles, was bei drei auf dem Baum ist, nicht gepäppelt werden muss. Erste Regel des Öko-Clubs. Meine Haustiere waren immer Familienmitglieder und es ist für mich völlig logisch, dass sie Zeit, Geld und Fürsorge beanspruchen. Dass ich dafür belächelt oder sogar als ‚asozial‘ bezeichnet werde, ist nichts Neues und voll okay. (Nein, ist es nicht aber das ist eine andere Geschichte.) Das alles erzähle ich nicht, weil ich bitte dafür gelobt werden will, dass ich schwächere Lebewesen so behandle, wie ich selbst gern behandelt werden würde. Sondern ich erzähle es, weil es Teil eines viel größeren Problems ist:

Umweltschutz ist unsexy!
Mit Jutebeuteln einkaufen gehen ist öko.
Foodsharing ist irgendwie eklig.
Fahrgemeinschaften sind was für arme Menschen.
Mit Mehrwegbechern in die Mensa rennen ist total übertrieben.
Vegetarisch oder sogar vegan essen macht sowieso direkt unsympathisch.
Plastik vermeiden ist Hippiekram.
Ich könnte das hier wahrscheinlich endlos fortführen aber mein Fair Trade-Tee wird kalt. Jedenfalls: Quasi alles, was man als Privatperson in Sachen Umweltschutz im weitesten Sinne tun kann, ist irgendwie…seltsam. Das wird mir jedes Mal bewusst, wenn ich gezwungenermaßen meine studentische, linksgrünversiffte Filterbubble verlasse und Menschen mich völlig entgeistert anstarren, weil ich eine fremde Chipstüte aufsammle, die über die Straße weht. Umweltschutz kann man mal machen, wenn man Mitte 20, immer pleite und ein bisschen abgedreht ist und bitte nicht zu viel darüber redet. Aber in der berühmten (und etwas besorgniserregenden) ‚Mitte der Gesellschaft‘ sind Empathie für Lebewesen und ein Mindestmaß an ökologischer Verantwortung längst nicht angekommen. Wer mir das nicht glaubt, darf gern mal in den Kommentarspalten internationaler Newsseiten stöbern, wenn über Parteien berichtet wird, deren Primärziel der Umweltschutz ist. Ich fasse das für euch zusammen: Das sind alles realitätsfremde Hippies und überhaupt haben wir viel wichtigere Probleme. Das ist lustig, weil: Nein, haben wir nicht.
Versteht mich nicht falsch. Es ist wichtig, dass Menschen sich um EU-Verordnungen kümmern. Und um Renten und um Handelsabkommen und um Wohnungsbau und um Gleichstellung und um Friedensverträge und um Butterpreise und um Mindestlohn und Krankenkassenbeiträge und KiTa-Plätze und Pflegekräfte und meinetwegen sogar um Fußball.
Aber es ist mindestens genauso wichtig, dass wir die verdammten Pinguine retten. Dass wir die Meeresschildkröten vor Plastik schützen. Dass wir den Igeln und Fröschen kleine Tunnel graben, damit sie nicht überfahren werden. Dass wir unsere Draußenkatzen kastrieren lassen, weil es einfach genug davon gibt. Dass wir uns um Alternativen zu einer fleischlastigen Ernährung bemühen. Dass wir das Klima vielleicht nicht komplett gegen die Wand fahren und helft verdammt noch mal den Bienen.

Warum? Weil wir sonst alle bald drauf gehen. Vielleicht nicht ich und vielleicht nicht du und vielleicht nicht dein Kind und vielleicht nicht mal dein Enkelkind (Da wäre ich mir schon nicht mehr so sicher). Aber irgendwann kriegt die Menschheit eine fette Backpfeife von der Natur und niemand ist da, um uns in einen Schal zu wickeln und zum Tierarzt zu bringen.

Make Umweltschutz great again. Sonst sind wir alle bald ziemlich am Arsch, wenn ich das mal so sagen darf.

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3 Antworten to “Make Umweltschutz great again”

  1. Sina Schuler 10/14/2017 um 2:43 PM #

    Bin ganz Deiner Meinung und frage mich auch oft, was geht nur in manchen Menschen vor? Ist das eine unbewusste Angst, dass ihnen was weggenommen werden könnte? Sodass 1x pro Woche vegetarisches Essen gleich als viel zu krass dargestellt wird, weil „wo kommen wir denn da hin? Als nächster Schritt wird Fleisch verboten!“
    Und wenn sich dann mal eine einsetzt für die Umwelt, merken sie, dass die Welt sich nicht nur um sie und ihre kleine Welt dreht. Was sie sonst nur aus dem TV kennen – „Man müsste weniger Plastik, man sollte weniger CO2, jaja. TV aus. Horst, wann machen wir die Kreuzfahrt?“ – wird plötzlich irgendwie real. Manche (nicht alle) bekommen vielleicht ein schlechtes Gewissen, denken aber nicht darüber nach was zu ändern, sondern werten stattdessen lieber alles ab, was aufwendig aussieht und was ihre kleine Komfortzone belasten könnte.
    Naja ❤

  2. Lena 10/14/2017 um 4:14 PM #

    Wow, einfach nur wow.
    Das ist der ehrlichste und beste Text zum Thema Umweltschutz den ich je gelesen habe.

  3. Irmdaen 10/20/2017 um 7:51 AM #

    Du schreibst mir aus der Seele. Bin ganz genauso drauf, seit über 60 Jahren.

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