Von einem, der auszog, seine Bienen zu jagen

4 Mrz

Untertitel 5. Aneignung.

Ein trüber Nachmittag. Ich lerne. Eine Anstellung als Kameltreiberin in der sibirischen Tundra erscheint mir heute außergewöhnlich reizvoll. Mehrfach rutscht mein Auge bedrohlich nah an den Kugelschreiber. Wahnsinnige Gedanken darüber, welches Körperteil ich mir brechen könnte, um wenigstens ein paar Stunden im Krankenhaus verbringen zu dürfen, schwirren durch meinen Kopf.

§ 960 Wilde Tiere

Ein kleiner Lichtblick. Ich mag Tiere. In meinem Kopf springen plüschige Kaninchen fröhlich über blühende Frühlingswiesen. Damit ihr hierbei auch noch etwas lernt: Solange sie das tun, sind sie herrenlos. Es sei denn, sie fallen dabei in einen Teich oder „ein anderes geschlossenes Privatgewässer“. Gehört besagtes Gewässer euch, gehen sie in euer Eigentum über, sofern sie den Ausflug überleben und auf eurem Teich keine Hypothek lastet. In diesem Fall..wie auch immer.

§ 961 Eigentumsverlust bei Bienenschwärmen

Das düstere Grau in meinem Kopf erhellt sich. Eigentumsverlust bei..was? Ein kurzer geschichtlicher Abriss:

Seit mehreren Jahrhunderten (und ich habe wirklich keine Ahnung, seit wann genau, aber es war irgendwann nach den Dinos und vor Tokio Hotel) arbeiten kluge Köpfe emsig wie die Bienen (!) daran, ein Buch zu schreiben, dessen Inhalt kein Mensch ohne den Ehrgeiz einer asiatischen Olympiaturnmannschaft je vollständig erfassen kann. Einfachheitshalber nennen wir es heute BGB. Nachdem unwichtiger Kram niedergeschrieben war, widmeten besagte Köpfe sich den wichtigen Fragen des Lebens: Was passiert eigentlich, wenn mir im schönen Deutschland mein Bienenschwarm entwischt? Immer darum bemüht, euch noch etwas beizubringen, möchte ich dieses komplexe Thema kurz für euch zusammenfassen.

„Zieht ein Bienenschwarm aus, so wird er herrenlos, wenn nicht der Eigentümer ihn unverzüglich verfolgt oder wenn der Eigentümer die Verfolgung aufgibt.“

An dieser Stelle meine Bitte, diesen Blogbeitrag zahlreich zu verteilen. Schickt ihn an eure Freunde, an Verwandte, Feinde, euren Chef, an die New York Times. Nur so ist garantiert, dass in Zukunft verzweifelten Irren in weißen Ganzkörperanzügen mehr Akzeptanz entgegengebracht wird. Während dieser Anblick in ländlichen Gebieten schon eher toleriert oder einfach nur ignoriert wird, herrscht vor allem in deutschen Großstädten noch Aufklärungsbedarf darüber, wie zu handeln ist, wenn zur Rush Hour ein jagender Imker auf die Kreuzung läuft.

§ 962 Verfolgungsrecht des Eigentümers

Zusammengefasst: Der Eigentümer darf bei der Verfolgung seines Bienenschwarms eigentlich alles. Fremde Grundstücke betreten, gebrechliche Menschen aus dem Weg schubsen, Fahrzeuge, die der schnelleren Verfolgung seiner Bienen dienen, unentgeltlich mitnehmen und notfalls zerstören, rücksichtslos fremde Bienenwohnungen öffnen, um seinen Schwarm brutalst herauszureißen. Alles. Den entstehenden Schaden hat er allerdings zu ersetzen. In meinen Augen ein geringer Preis für den Triumph, wieder Herr seines eigenen Bienenschwarms zu sein.

§ 963 Vereinigung von Bienenschwärmen

„Vereinigen sich ausgezogene Bienenschwärme mehrerer Eigentümer, so werden die Eigentümer, welche ihre Schwärme verfolgt haben, [bla bla langweiliger Mist wie auf den anderen 700 Seiten]. Die Anteile bestimmen sich nach der Zahl der verfolgten Schwärme.“

Wie oft sieht man wild gestikulierende Bienenschwarmeigentümer in deutschen Hinterhöfen, auf Autobahnraststätten, in der Wurstabteilung des örtlichen Supermarkts… Solltet ihr euch bisher immer gefragt haben, warum hier so wüst gestritten wird, empfehle ich euch folgende Übung: Leiht euch ruhig einmal zwei bis drei Bienenschwärme aus, lasst sie sich fröhlich summend vereinen und versucht dann, die Schwärme wieder zu trennen. Die Aufregung der Bienenschwarmeigentümer und Bienenschwarmeigentümerinnen erscheint euch dann wohl etwas weniger absurd!

(Dem armen Bienenschwarmeigentümer, der sich der Aufgabe gestellt hat, direkt mehrere Schwärme zu verfolgen, werden bei der Aufteilung der Schwärme übrigens keine Bonusbienen eingeräumt. Da kennt das Gesetz keine Gnade.)

Mir stellt sich hier die Frage, wie sich dieses Verfolgungsrecht mit dem allgemein anerkannten Recht zur Selbstbestimmung jeder Biene (§ 2 RzSbRjBogokadGdBRD*) verträgt. Szenario: Fröhlicher Ausflug mit dem ganzen Schwarm, weil benachbarter Bienenstock zu einer Party geladen hat. Ausgelassene Stimmung, Cocktails fließen in Strömen. Auftritt Bienenschwarmeigentümer. Peinlich!

Lieber Gesetzgeber, hier bestehen Regelungslücken, die im schlimmsten Fall von einer bienenhassenden Exekutive eher Anti-Biene ausgefüllt werden. Ich denke, ich spreche im Namen aller hier, wenn ich um eine klare Lösung bitte.

*Regelungen zum Selbstbestimmungsrecht jeder Biene ob groß ob klein auf dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland

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Eine Antwort to “Von einem, der auszog, seine Bienen zu jagen”

  1. sushey 03/04/2013 um 6:27 PM #

    Ich hab da mal zwei Fragen. Erstens: wenn mir kein Bienenschwarm gehört, aber ich einem offensichtlich herrenlos umherschwirrenden Schwarm hinterherlaufe, gehört er dann mir, qua Verfolgung sozusagen?
    Und 2. falls besagter Schwarm sich teilt – welchem Teil muss ich dann folgen? Oder brauche ich dann einen Zweitverfolger, der sich dann der anderen Hälfte annimmt, die aber dann ja – siehe erstens – in seinen Besitz übergehen könnte?

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