Und Hühner leben doch in Herden!

13 Jul

10:25 Uhr. Es riecht nach Kaffee und Chanel No. 5.  Gut gelaunt kämpfe ich mich durch die vollen Gänge. Vorbei an weißen Blusen, beigefarbenen Cardigans, Nadelstreifenhosen und Perlenketten. Jeder Menge Perlenketten. Der Blick nach unten verrät mir, dass olivgrüne Lederschuhe der neue Trend sind. Ich denke darüber nach, wie ich ausgehöhlte Badeentchen als trendige Schuhmode 2012 etablieren könnte.

Vorbei an der Bibliothek. Sie ist verglast. Verglast heisst hell, freundlich, architektonisch brillant; ein Statussymbol, das jeder anderen Uni die Zähne ausschlagen soll. Verglast heisst auch, dass sich davor täglich ganze Horden rosaner Täschchen auf den Schultern ihrer solariumbraunen Besitzerinnen Eigentümerinnen tummeln, um von ihren hart arbeitenden Ehemännern in spe gut betrachtet werden zu können. Kollektiv kichern sie in einer Frequenz, die sie für Fledermäuse unwiderstehlich macht (was auch ein kleines bisschen ihre Frisuren erklärt) und Hunde auf der Stelle tot umfallen lässt. In den Händen halten sie meinen persönlichen ultimativen Albtraum. Ich mag Bücher. Ich liebe Bücher. Ich habe ständig Bücher bei mir! Aber-

Moment, wir machen das anders! Stellt euch einen kleinen, plüschigen Hund vor; wir nennen ihn Brutus. Steckt den kleinen Brutus in ein hübsches Täschchen. Bindet ein Schleifchen um das Täschchen und hängt euch Brutus in seinem neuen Täschchen lässig über das Handgelenk. Ich möchte euch jetzt wirklich nicht stören. Wahrscheinlich tätschelt ihr gedanklich grad an Brutus‘ fluffigen Öhrchen. Aber es muss sein: Ersetzt Brutus durch den sachlichsten Wälzer, den man sich vorstellen kann; durch den ‚Schönfelder – Deutsche Gesetze‘. Was ihr jetzt im Kopf habt, sollte – wenn ihr alles richtig gemacht habt – so ungefähr das Lächerlichste sein, das ihr je gesehen habt.

Vorbei am Hörsaal in die Freiheit. 35°C. Direkt neben der Cafeteria am Wasserloch: Ein Rudel Anzugträger. Personifizierte Konsequenz in blau-weißen Hemdchen. Während der gemeine Student überlegt, was man denn noch ausziehen könnte, trotzen sie mutig der Hitze. Das Alpha-Männchen ist am lässig über die Schultern gelegten Seidenschal in dezentem Khaki erkennbar. Die Schwächeren unter ihnen haben die Ärmel nach oben gekrämpelt. Betont unordentlich. Man ist ja nicht zu korrekt oder gar verklemmt!

Natürlich gibt es da auch noch die Rebellen. Würde man Jurastudenten fangen und mit kleinen Nadeln in einem Glaskasten aufbewahren  – so ein Rebell wäre der „Rote Apollo“ jeder Sammlung! Man trifft sie ausschließlich in Vorlesungen mit so klingenden Namen wie ‚Umweltrecht‚ oder ‚Wir finden das alles kacke und hassen eure Konventionen – Allgemeiner Teil‚. Kollektiv individuell haben sie meist feuerrot gefärbte Haare und jede Menge Verachtung für den Rechtsstaat, Gesetze im Allgemeinen und sowieso und überhaupt. Sie sind Idealisten, die dir auf Abruf ihre Waladoptionsurkunde vorzeigen und freudestrahlend berichten, wie sie erst letzte Woche einige Hühner befreit haben. (Natürlich haben sie 4,99€ dafür bezahlt und mit „befreit“ meinen sie „gegessen“.)

Zum Abschluss noch ein Wort in eigener Sache. Dieser Text wurde gelesen. Von solariumbraunen Handtaschenständern, von Alpha-Männchen, von BGB-Auswendiglernern und auch von Rebellen (Die fanden ihn natürlich ‚voll kacke‘!). Beleidigt war niemand. Gemein ist diesen Menschen nämlich, dass sie hinter all der Fassade irgendwie noch ziemlich rocken, größtenteils echt etwas drauf haben und euch im Zweifelsfall in ein paar Jahren mal den Arsch retten können.

Dieser Text ist im Übrigen natürlich rein fiktiv. Ich war seit 2 Jahren nicht mehr 10:25  in der Uni und dabei auch noch gut gelaunt.

 

 

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5 Antworten to “Und Hühner leben doch in Herden!”

  1. gertjeedelmann 07/13/2011 um 12:07 PM #

    So hat wohl jede Fakultät ihre Anzugsordnung.
    Bei Medizinstudenten schmücken sich gern die Unerfahrensten mit mit den Insignien des Arztes. Trotzdem entwickeln sich die meisten zu durchaus vertrauenswürdigen und kompetenten Vertretern ihres Berufsstandes.
    Aber das Foto, Nee, ne? Das gibt es doch nicht wirklich. Oder doch?

  2. souslik 07/19/2011 um 11:45 AM #

    Aus zeitlichen Gründen konnte ich den Text nur kurz überfliegen. Hübsch, wie du dein Buch dekoriert hast. Weiterhin viel Spass im ähh Psychologiestudium.

  3. mysha 10/06/2011 um 11:34 PM #

    Wenns euch beruhigt: Auch nach dem Studium werden die meisten Menschen im ersten Moment nach Äußerlichkeiten beurteilt. Glücklicherweise hat man dann schon gelernt, irgendwann hinter die Fassade zu schauen, bzw. weiß dass der Gegenüber sich irgendwann diese Mühe macht.

  4. Beauty Butterflies (@Clau2411) 10/13/2011 um 2:42 PM #

    OMG ich hab dieses Taschen-Büchlein-Dingsda letztens am Bahnhof bei einer Dame (mit Perlenkette) gesehen! Jetzt weiß ich zu wehm diese Spezies gehört. DANKE!

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